Eine Fläche mit Geschichte

MSV-Stadion, Multi Casa, Möbelhaus oder Designer Outlet Center: Das Gelände am ehemaligen Güterbahnhof südlich des Duisburger Hauptbahnhofs blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück – bis hin zu den tragischen Folgen der Loveparade-Katastrophe im Jahr 2010. Doch wie geht es mit der seit Jahren brachliegenden Fläche weiter?

(Online-)Bürgerbeteiligung

Die GEBAG hat die rund 30 Hektar große Fläche mitten in der Duisburger Innenstadt, gelegen zwischen Bahnstrecke und Autobahn, Ende 2018 gekauft. Von Anfang an war klar: Bei der Entwicklung der Fläche wird auch die Stadtgesellschaft in die Planung einbezogen. Hierzu wurde eine umfassende Bürgerbeteiligung durchgeführt. Fand der Kick-Off im November 2019 noch als klassische Diskussions-Veranstaltung in der Mercatorhalle statt, so zwang die Corona-Pandemie ab März 2020 zum Umdenken: Geplante Workshops und Bürger-Werkstätten konnten nicht wie geplant stattfinden.

Alles online

Die Lösung: Wir gehen online! In einer Zeit, in der Facebook, Twitter und Instagram zum Alltag gehören und wir die Nachrichten morgens eher kurz auf dem Handy durchscrollen, als sie in der Zeitung zu lesen oder im Fernsehen zu verfolgen, wird eine Bürgerbeteiligung doch auch online durchzuführen sein.

Die GEBAG und die Stadt Duisburg haben gemeinsam ein Konzept entwickelt, wie die Online-Bürgerbeteiligung stattfinden kann. Parallel zum im Sommer 2020 gestarteten städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb wurden im Rahmen von diversen sogenannten „Meilensteinen“ die Bürgerinnen und Bürger gefragt: Was sind Ihre Ideen für die Fläche? Was gilt es bei den zukünftigen Planungen zu beachten? Wie werden die Konzepte der am Wettbewerb teilnehmenden Teams bewertet?

Alles transparent

Alle Ideen, Meinungen und Vorschläge waren und sind jederzeit transparent für jeden auf der Projektwebsite beim jeweiligen Meilenstein einsehbar. Die am Wettbewerb teilnehmenden Teams bekamen alle Kommentare zur weiteren Bearbeitung vorgelegt und konnten die Ideen der Duisburgerinnen und Duisburger in Ihren Planungen berücksichtigen.

Der Wettbewerb wurde organisiert und betreut durch das Büro Faltin + Sattler aus Düsseldorf, das knapp 20 Jahre Erfahrung im Wettbewerbsmanagament vorweisen kann.

Wie geht’s weiter?

Die Jury hat im März 2021 den Siegerentwurf des Wettbewerbs gekürt: den Entwurf der „Duisburger Dünen“ (CKSA Christoph Kohl Stadtplaner Architekten und Fugmann Janotta und Partner mbH, beide Berlin). Aus dem Siegerentwurf wird nun der städtebauliche Rahmenplan gefasst, aus dem sich der Bebauungsplan ergibt. Die GEBAG rechnet aktuell damit, dass der Bebauungsplan für die Fläche in zwei Jahren Rechtskraft erlangen wird. Das Projekt wird voraussichtlich im Jahr 2032 abgeschlossen sein.

Geschichte der Fläche

Nutzung als Bahngelände

1864-1996

Das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs befindet sich in zentraler innenstädtischer Lage südlich des Duisburger Hauptbahnhofs. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fläche industriell und gewerblich genutzt. Eine teilweise Nutzung als Bahngelände mit Eisenbahnwerkstatt sowie Lok- und Güterschuppen erfolgte ab den 1860er-Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fläche hauptsächlich als Bahngelände mit einem Rangier- und einem Güterbahnhof genutzt. 1996 wurde die Anlage schließlich stillgelegt.

Ideen für die Branche

ab 1997

Bezeichnend für die weitere Geschichte des ehemaligen Güterbahnhofs ist die Vielzahl an Planungen und Ideen für eine Nachnutzung der Fläche – und die Tatsache, dass keine der Visionen am Ende umgesetzt wurde.

Erster Entwurf

1997/1998

Ein erster Entwurf für ein neues Stadion des MSV wurde 1997/1998 veröffentlicht.

Multifunktionsgelände

1999/2000

Anschließend gegen Ende des Jahrtausends wurde die Planung weiterentwickelt für ein Multifunktionsgelände mit Stadion und Einzelhandel.

Multi Casa

2001

Im Jahr 2001 legte Stararchitekt Hadi Teherani den Entwurf für das „Multi Casa“ vor. Auf über 70.000 Quadratmetern sollte ein überdimensionales Erlebnis- und Einkaufscentrum entstehen.

Weiterer Realisierungsentwurf

2005

Vier Jahre später folgte ein weiterer Realisierungsentwurf, dieses Mal vom japanischen Architekt Shin Takamatzu. 2005 stoppte der Rat der Stadt Duisburg schließlich die Planungen für das riesige Center – man befürchtete angesichts der Lage der Fläche eine zunehmend verwaisende Innenstadt und steigende Leerstandszahlen.

Duisburger Freiheit

2009

2009 dann ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Geländes: Lord Norman Foster legte im Auftrag der Bahn-Tochter Aurelis seinen Masterplan für die „Duisburger Freiheit“ vor. Die Planungen sahen die Neugründung eines lebendigen und vielfältigen Stadtteils vor, in dem bis zu 10.000 Duisburgerinnen und Duisburger künftig wohnen und arbeiten könnten. Entlang der Autobahn sowie der Bahnstrecke (sozusagen an den linken und rechten Außenrädern des Geländes) sollten langgezogene Baukörper entstehen, die eine lärmabschirmende Wirkung haben sollten. In der Mitte, zwischen den Baukörpern, sollte sich von Nord nach Süd eine zentrale Grünachse öffnen, eine Art „Central Park“ in Duisburg.

Möbelmitnahmemarkt

2010

Der Masterplan wurde aber ebenfalls nicht realisiert, weil die Fläche zu Beginn des letzten Jahrzehnts schließlich recht überraschend an den Möbelhaus-Unternehmer Kurt Krieger verkauft wurde. Zunächst sahen die Planungen des Berliner Millionärs den Neubau eines Möbelmitnahmemarktes zur Erweiterung des unternehmenseigenen Portfolios vor.

Love-Parade-Katastrophe

2010

Doch die Ideen wurden überschattet von der Love-Parade-Katastrophe, bei der am Zugang auf die Fläche im Karl-Lehr-Tunnel 21 Menschen ums Leben kamen, 500 weitere wurden in der Massenpanik schwer verletzt.

Designer Outlet Center

2017

2017 dann ein neuer Versuch: Kurt Krieger wollte auf der 30 Hektar großen Fläche ein Designer Outlet Center errichten. Die Realisierung wurde jedoch im September 2017 durch einen Bürgerentscheid gestoppt, bei dem sich 51,09 Prozent gegen das Outlet aussprachen, 48,91 Prozent dafür. Krieger unterbrach daraufhin alle weiteren Planungen, das Filetgrundstück in bester innenstädtischer Lage lag weiter brach.

Neuanfang durch die GEBAG

2018

Im Oktober 2018 konnte die GEBAG den Ankauf der Fläche bekannt gegeben, über die Höhe des Kaufpreises wurde Stillschweigen vereinbart. Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link begrüßte das GEBAG-Engagement an dieser Stelle und sah darin einen großen Schritt nach vorn für Duisburgs Stadtentwicklung: „Ich freue mich sehr darüber, dass sich Herr Krieger für einen Verkauf des Grundstücks an die städtische GEBAG entschieden hat. Für uns gibt es somit endlich einen Handlungsspielraum. Wir werden nun die Grundstückentwicklung vorbereiten und uns dabei an den Plänen orientieren, die damals Norman Foster entwickelt hatte."

Start der Bürgerbeteiligung

2019

Der erste Schritt, um das brachgefallene Gelände einer neuen Zukunft zuzuführen, wurde im November 2019 getan: Mit einer Kick-Off-Veranstaltung haben die GEBAG und die Stadt Duisburg den Bürgerbeteiligungsprozess zur Entwicklung des Geländes gestartet. Vor und mit rund 200 Bürgerinnen und Bürgern diskutierten Oberbürgermeister Sören Link, GEBAG-Geschäftsführer Bernd Wortmeyer, Stadtplanungsdezernent Martin Linne und Zukunftsforscher Kai Gondlach mit Journalist Martin Ahlers über die Zukunft des zentralen Geländes. An fünf „Themeninseln“ wurden Ideen gesammelt, diskutiert und teilweise auch gleich wieder verworfen. Es ging um Wohnen und Infrastruktur, Fragen von Mobilitätskonzepten und Umweltschutz oder auch um mögliche Räume für Begegnung, die geschaffen werden könnten.

Online-Bürgerbeteiligung und Wettbewerb

2020

Im Jahr 2020 ging es dann richtig los mit den Visionen für die Zukunft des Geländes. In einer breit angelegten Online-Bürgerbeteiligung und einem parallel stattfindenden städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb wurden die besten Ideen und Konzepte für die zukünftige Nutzung des Geländes Am Alten Güterbahnhof genutzt.

Duisburger Dünen

2021

Die Entscheidung ist gefallen: Im März 2021 tagte die Jury des Wettbewerbs zur Entwicklung des Geländes. Am Ende kürte das Gremium den Entwurf des Teams von CKSA Christoph Kohl Stadtplaner Architekten und Fugmann Janotta und Partner mbH (beide Berlin) einstimmig und mit deutlichem Abstand zum Sieger des Verfahrens.

Ausblick

2021

Nach dem städtebaulichen Wettbewerb und der sich anschließenden Planungsphase werden der Bebauungsplan sowie der städtebauliche Rahmenplan erarbeitet. Die GEBAG rechnet aktuell damit, dass der Bebauungsplan im Jahr 2023 Rechtskraft erlangen wird. Das Projekt wird voraussichtlich im Jahr 2032 abgeschlossen sein.